Nachstellung eines Lynchmordes

Sometimes a chance encounter yields the best stories. Running in Atlanta’s Piedmont Park one morning, I started talking to a fellow runner who turned out to be an actor. “We’re re-enacting a lynching down two hours outside of the city”, he told me as if it was the most ordinary thing in the world. Immediately, I was captivated – and determined to write up the story in a newspaper. In the end, Germany’s Süddeutsche Zeitung commissioned me to report on this remarkable event.

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Massaker als Laientheater

Jedes Jahr Ende Juli kommt im US-Bundesstaat Georgia eine Gruppe von Aktivisten zusammen. Sie führen im Städtchen Monroe ein makabres Ritual auf: die Nachstellung eines vierfachen Lynchmords

Von Alfred Rinaldi

Monroe – Die Stimmung ist angespannt in der First African Baptist Church im Städtchen Monroe. Vor der Tür sind vier Polizisten postiert – „nur um dem Verkehr zu regeln“, beschwichtigen sie. Ein paar Kilometer entfernt hält der Ku-Klux-Klan eine Versammlung ab; immer wieder rauschen Autos an der Kirche vorbei, an denen provokant die Südstaatenflagge flattert. Pastorin Cassandra Greene macht das nicht nervös. „Ich bin zwar Christin, aber wenn es nötig ist, kämpfe ich auch“, sagt die resolute Mittfünfzigerin.

Greene ist Regisseurin des Moore’s Ford Bridge Reenactment, der Nachstellung einer Gräueltat, die im Jahr 1946 die USA erschütterte. Roger Malcom, ein schwarzer US-Army-Veteran, saß wegen einer Messerstecherei im Bezirksgefängnis; Malcom hatte einen weißen Farmer, den er verdächtigte, seine Freundin Dorothy vergewaltigt zu haben, schwer verletzt. Wenig später hinterlegte ein weiterer weißer Farmer, Loy Harrison, eine Kaution, um Malcom auszulösen. Zusammen mit Rogers Freundin Dorothy, deren Schwager und Schwägerin holte Harrison Malcom in seinem Auto ab und fuhr – ob unwissend oder nicht – in einen Hinterhalt des Ku-Klux-Klan an der einsamen Moore’s Ford Bridge. Dort ermordeten etwa 15 Klan-Mitglieder Harrisons Fahrgäste; die Täter schnitten der 20-jährigen Dorothy ihr ungeborenes Baby aus dem Leib. Präsident Harry S. Truman ordnete damals persönlich eine FBI-Untersuchung an, doch trotz einer Anklageschrift, in der 55 Verdächtige genannt wurden, wollte kein einziger Zeuge aussagen. Die Bluttat blieb ungesühnt – bis heute.

Civil war battles are re-enacted all the time. Lynchings not so much.

Tyrone Brooks will sich damit nicht zufrieden geben. Seit Jahren kämpft der Bürgerrechtsveteran für die Aufklärung der Tat. Es war seine Idee, das Massaker von damals als Laienschauspiel aufzuführen, seit 2005 wird es jeweils am Jahrestag des Verbrechens nachgespielt. In diesem Jahr sind etwa 300 Zuschauer dabei, die meisten von ihnen Schwarze. Der ehemalige Abgeordnete steht in Latzhose und Polohemd vor der First African Church und hält einen Zeitungsartikel über den SS-Mann Oskar Gröning in die Höhe. „Wenn alte Nazis nach all den Jahren für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden können, warum soll es dann unmöglich sein, die Mörder von Moore’s Ford Bridge zu bestrafen?“ Andere tragen Plakate, die an aktuelle Rassenkonflikte in den USA erinnern: „Ich bin Trayvon Martin“, steht auf einem. „Das Lynchen geht auch heute weiter“, sagt Aktivist Brooks. „Auch heute noch werden unsere Brüder und Schwestern ermordet. Und es bleibt oft unbestraft.”

Dass die Tat unbestraft, aber nicht vergessen bleibt – dafür sorgt die Nachstellung. Die Darsteller: eine bunte Mischung aus Altlinken, Gewerkschaftern und Schauspielern. Mit seinem Rauschebart und seiner schmächtigen Statur ähnelt Bob Cain einem freundlichem Hobbit. Er unterstützt die Truppe um Brooks als Mitglied der Georgia Peace and Justice Coalition. Als Juden kennen er und seine Frau Jeanie den Südstaatenrassismus aus eigener Erfahrung: Cains Cousin Leo Frank wurde in den 50er Jahren von einem Mob erhängt, nachdem er fälschlicherweise einer Vergewaltigung beschuldigt wurde. Und 1958 verübte der Ku-Klux-Klan auf den Jewish Temple in Atlanta ein Bombenattentat, weil sich die jüdische Gemeinde mit Martin Luther King solidarisiert hatte. Nun spielt Cain ein Mitglied des Ku-Klux-Klans. „Als ich noch zur Schule ging, stand Moore’s Ford Bridge nicht auf dem Lehrplan“, sagt er, „wohl aber diverse Bürgerkriegsschlachten, in denen die Konföderierten sich heldenhaft schlugen.“

Solche Bürgerkriegs-Dramen werden vielerorts nachgespielt, Lynchmorde eher selten. Kann denn eine so gnadenlose Darstellung überhaupt zu Frieden und Versöhnung beitragen? Schon in der ersten Szene fällt das „N-word”: „get off my land, nigger”, herrscht der weiße Farmer Barney Hester Roger Malcom an. „Wir werfen uns die übelsten rassistischen Ausdrücke an den Kopf<NM1>, und wir tun es mit einer Glaubwürdigkeit, die tatsächlich wie Hass aussieht<NM>“, sagt Malcom-Darsteller Sentelle Tolbert, „das geht nur, wenn man in der Lage ist, das Schauspiel von der Realität zu trennen.“

Für Uneingeweihte ist das Schauspiel tatsächlich verstörend. Vor dem pittoresken Gerichtsgebäude von Monroe hält Walter Brown-Reeves eine Hetzrede, im Wortlaut und mit überzeugender Leidenschaft gibt er eine Wahlrede des damaligen Gouverneurs Eugene Talmadge wieder. Er werde dafür sorgen, dass auch in Zukunft nur Weiße bei den demokratischen Wahlen abstimmen dürfen – obwohl der Supreme Court diese Praxis gerade als verfassungswidrig erklärt hatte. Auch Talmadge bedient sich des N-Wortes; seine Parteigänger jubeln. Eine Weiße schiebt einen hochbetagten Mann im Rollstuhl an den schwarzen Zuschauern vorbei. „Habt ihr alle keine Jobs?”, fragt sie genervt. Dann beugt sie sich zu dem Greis herunter und flüstert ihm etwas zu. Ob er sich wohl an Moore’s Ford und Talmadge erinnern kann?

Wir nähern uns dem Höhepunkt. Farmer Loy Harrison fährt in einem prächtigen schwarzen Chevy Baujahr ’38 vor. Er ist gekommen, um Malcom gegen eine Kaution aus dem Gefängnis auszulösen; die Summe von umgerechnet 7000 Euro soll Malcom dann später auf seiner Plantage abarbeiten. Mit von der Partie sind Dorothy, Malcoms schwangere Freundin sowie George Dorsey – Dorothys Bruder – und dessen Frau, Mae Murray Dorsey. Unter Polizeischutz  fährt der Konvoi zum Tatort. Es ist soweit. Der antike Chevy nähert sich, das Chrom blitzt in der Sonne. Bob Cain und seine Kollegen stellen sich ihm mit Plastikgewehren bewaffnet in den Weg. „I want that nigger!” ruft der Anführer und zerrt Malcolm aus dem Wagen. Dann macht eine der Frauen den fatalen Fehler. Sie ruft einen der Kapuzenmänner beim Namen: „Ich kenne dich!“ Der Mob zerrt alle Insassen bis auf Harrison aus dem Wagen, sie werden auf die Wiese am Straßenrand geworfen. Gefesselt umarmen sich die Pärchen, dann fallen die tödlichen Schüsse. „Peng! Peng!” rufen die KKK-Darsteller, während ihre Opfer sich mit Theaterblut bespritzen und zusammensacken. Ausnahmslos alle Zuschauer haben ihre Kamera gezückt, fotografieren die Opfer. Trotz der Spielzeugknarren kommt das Ende dennoch als Schock. Die Ergriffenheit ist zu spüren – eine ältere Dame weint, Kinder schauen betreten auf die Toten.

Dann tritt ein Mann zwischen den Bäumen hervor. Er ist ganz in weißes Leinen gekleidet und kniet bei den Mordopfern nieder. Einfühlsam stimmt er einen alten Song von Sam Cooke an: „A Change is Gonna Come”. Ist ein Wandel wirklich möglich? Im Februar 2015 verhörte das FBI den heute 86-jährigen Charlie Peppers als Zeugen und möglichen Mittäter zu dem Verbrechen. Ob es jemals zu einem Verfahren kommt, bleibt jedoch fraglich.

 

 

 

 

 

 

 

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