Leipzig, startup city (in German)

In this German-language feature for Mazda Motion, I went to Leipzig to investigate why Germany’s fastest-growing city has become a hub for startups.

„Leipzig hat den Drive!”

Fotos: Markus Altmann

Bitte anschnallen: keine andere deutsche Stadt wächst derzeit so rasant wie Leipzig. Auch immer mehr Startups ziehen hierher und träumen vom ganz großen Erfolg. Doch was macht die Stadt für Gründer so attraktiv? Wir forschten nach.

Im Treppenhaus riecht es nach altem Gemäuer – eine modrig-feuchte Duftnote, die an Baustelle erinnert. An der Wand und auf den Stufen Hieroglyphen, mit Edding gekritzelt oder hingesprüht, von weitem ist ein helles Tick-Tock zu vernehmen – der unverkennbare Sound einer Runde Ping Pong. Tischtennisplatte, Graffiti und eine alte Fabrik: keine Frage, das Spinlab  – der Startup-Accelerator der Handelshochschule Leipzig HHL – ist hip. So hip wie die Startup Entrepreneurs überhaupt, die vor kurzem noch als spießige Jungunternehmer firmierten.

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Nein, der sympathische junge Mann, der mir die Hand reicht, ist nicht Assistent der Geschäftsleitung. Er ist mein Gesprächspartner, Dr. Eric Weber, der Leiter des Spinlabs, der Unternehmerschmiede auf dem Gelände der alten Leipziger Baumwollspinnerei. Seit der Wende sind die Maschinen hier verstummt. Nun führen Künstler hier das Szepter, allen voran Neo Rauch, der Hohepriester der Neuen Leipziger Schule. Eine Gruppe BWLer würde man hier normalerweise nicht erwarten. Eric – klar, man duzt sich – bietet mir einen Platz auf einer Sitzecke mit bunten Beanbags an und bringt mach sich erstmal daran, mir das Einmaleins der Startups beizubringen. 

Seit 2014 helfen Eric und sein Team im Spinlab angehenden Wirtschaftscracks auf die Sprünge – von 100 Bewerbern schaffen es sechs durch das Auswahlverfahren. Sechs Monate lang gibt es Workshops, Seminare und individuelles Coaching, dazu noch eine Vermittlung von Kontakten mit Branchenexperten und Investoren – und 6,000€ Startgeld als Zuschuss zu den Lebenshaltungskosten.

Inzwischen gibt es in Deutschland viele solcher Accelerators, doch die Nähe zur Kunst ist für das Spinlab Alleinstellungsmerkmal. “Das Spinnereigelände hat so ein großes Gefühl von Freiheit, von Unabhängigkeit”, so Eric. “Hier ist ein schmaler Grat zwischen Wahnsinn und Genie – das finde ich unglaublich spannend. Wir teilen unser Stockwerk mit fünf Künstlerateliers – da tauscht man sich aus.”

Wenn Künstler Startups inspirieren

Um mehr über die Connection zwischen Kunst und Business herauszufinden, gehen wir in die Galerie Eigen+Art direkt gegenüber. Judy Lybke hat sie schon 1983 gegründet. “Judy Lybke macht beim Plug and Play Accelerator in Berlin mit”, erklärt mir seine Kollegin Franziska Jasper. “Dort gibt es immer einen Tisch für einen Künstler. Judy fand das Konzept gut und regte bei der HHL und der Stadt Leipzig an, einen Accelerator in der Spinnerei zu eröffnen. Künstler uns Startups ähneln sich – sie scheitern viel und müssen sich immer wieder neu erfinden. Sie haben auch die gleichen Bedürfnisse – einfache Räume mit viel Platz. Und sie müssen willensstark sein und eine Zeit ohne Einkommen überdauern.”

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Startup Entrepreneur Thomas Kuwatsch will in Leipzig etwas bewegen

Wenn schon arm, dann am besten hier, im angenehmen Leipzig. Sicher, auch hier steigen die Mieten, aber sie sind im Vergleich zu Berlin immer noch günstig. Auch die Überschaubarkeit Leipzigs ist ein Vorteil. “Hier ist man noch etwas besonderes”, sagt Alexandra Hucke, Mitgründerin der Merolt GmbH, die Unternehmen eine einfache und kostengünstige Buchung bei 800,000 Hotels weltweit anbietet. Das sieht auch Thomas Kuwatsch so. Sein Startup ist ekoio – eine vielseitige App für nachhaltiges Autofahren. “Früher hatte man mehr Aufmerksamkeit in Berlin. Man sagte, ‘Leipzig, aus der Provinz, kann nichts sein’. Aber mittlerweile ploppen in Berlin täglich drei Startups auf. Da kann man die Chance der Provinz nutzen, um zum großen Star zu werden.” 

Dabei helfen auch die Unis. Außer der HHL – der ältesten Wirtschaftsfakultät Deutschlands – gibt es unter anderem noch die Universität Leipzig und die Telekom-Hochschule. Dazu kommen das Bauhaus Dessau und die Designhochschule Burg Gibichenstein in Halle. Startups können also aus einem reichen Reservoir gut ausgebildeten Personals schöpfen. “Es sind Kreative da, es sind Informatiker da – das beflügelt sich gegenseitig”, so Eric Weber.

Stadt des offenen Geistes

Vielleicht noch wichtiger ist der aufgeschlossene Geist der Stadt.  “In der DDR war Leipzig einer der wenigen Orte, wo zu Messezeiten immer wieder neue Ideen ins Land kamen”, sagt Kuwatsch. Da es zu wenig Hotels gab, wurden Westbesucher bei Privatleuten untergebracht, wodurch es zum Gedankenaustausch kam.  “Es ist ja auch kein Zufall, das von hier die friedliche Revolution ausging. Die Leute hier wussten, was es hinter dem eisernen Vorhang gibt, dass die Menschen dort eigentlich ganz normal sind, und es auch nicht so schlimm ist, wenn man mal arbeitslos ist.

“Hier weiß man, wenn ich mich anstrenge, kann ich was schaffen. Leipizig hat den Drive.”

Auch die Politik hilft. “Wenn man hier sagt, ich will das mal gerne machen, dann sagt die Stadtverwaltung nicht, nee, da musst du erst Regeln eins, zwei und drei beachten, sondern die sagen, oh cool, mach das – und ich gebe dir sogar noch 2,000 Euro dazu.”

Wir verabschieden uns vom Spinlab und fahren noch ins Social Impact Lab. Auch dieser Accelerator liegt im Szeneviertel Plagwitz, zu dessen Attraktionen ein malerischer Kanal und die angesagten Karl-Heine-Straße zählen. Hier kann man sehen, wie der Erfolg Leipzig verändert. Einerseits versprühen Graffiti, Street Art und anarchistische Poster rebellische Hausbesetzerromantik. Andererseits verkaufen alternativ-schicke Läden wie das WestFach handgefertigte Lampenunikate zu 350€, während ein paar Hausnummern weiter das Ping Ping asiatische Spezialitäten serviert, die sich mit jeder Edelgastronomie in Berlin oder London messen können. 

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Da passt es gut, dass inmitten dieses Spannungsfelds zwischen profitorientiertem Kapitalismus und gesellschaftlichen Nutzen das Social Impact Lab zu Hause ist. Das Team um Jennifer Pauli hat es sich zur Aufgabe gemacht, angehende soziale Unternehmer während der prekären Phase der Geschäftsgründung zur Seite zu stehen. “Wir müssen noch viel Aufklärungsarbeit leisten”, sagt Pauli. “Manche meinen, meinen, wir bilden Streetworker aus, oder dass wir Bonbons im Flüchtlingsheim verteilen. Dabei sind wir ein ernstzunehmender Geschäftszweig. Bei Social Entrepreneurs geht es darum, auf gesellschaftliche Probleme eine unternehmerische Antwort zu finden.” 

Ein gutes Beispiel ist der mormor. Die Absolventen des Social Impact Labs stellen schwedisch gestylte Möbel für ältere Menschen her. “Wir fragten uns, mit welchen Möbeln wir selber alt werden wollten”, sagt Jonathan Geffen, einer der Gründer. “Diese Sichtweise hat uns geholfen, mehr Empathie zu haben.” Ihr stabiler “Halt”-Tisch, an dem man sich beim Aufstehen leichter festhalten kann, ist für den German Design Award nominiert worden. 

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Ohne Tischtennis startet hier gar nix!

“Als wir uns für die Möbelidee entschieden hatten”, erklärt Geffen, “haben wir gemerkt, dass wir alleine nicht weit genug kommen. Wir brauchten Unterstützung von Leuten die in diesem Feld unterwegs sind. In der Startup-Szene geht es um die größtmögliche Rendite – alles, was hip ist und möglich wenig Kosten hat. Gründungen mit sozialem Gedanken haben es da nicht so leicht.” Aus diesem Grund bewarb Geffen und seine Kollegen sich am Social Impact Lab.

Auch der gebürtige Münchner ist überzeugter Leipizg-Fan: “Leipzig ist einfach ‘ne super Stadt, die wächst. Es gibt hier noch Raum, um Sachen zu schaffen. In München ist alles komplettiert und fertig und einschüchternd, aber hier gibt es renovierte Häuser direkt neben Industriebrachen und Ziegelwänden. Für mich versprüht das ein Flair: packs an, du kannst hier noch was machen, du kannst noch was aufbauen.”

So viel Enthusiasmus steckt an. Vielleicht sollte ich auch mal in Leipzig etwas upstarten, denke ich mir, als ich die Stadt mit ihren umtriebigen Gründern hinter mir lasse. Klar, eine Geschäftsidee müsste her. Aber Tischtennis spielen kann ich – und das ist schon mal ein guter Anfang.

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