The sounds of Hamburg: Aufbruch im Hansetakt

When Mazda’s customer magazine asked me to write a feature on Hamburg’s music scene, I was sceptical. Sure, the city had just splashed out on the insanely over-budget Elbphilharmonie concert venue, but did it really merit its self-awarded label “Musikstadt’, a city of music?  It didn’t take long for my doubts to be dispelled.

Stefanie Hempel Hamburg Original Beatles-Tour
Stefanie Hempel performs during her Original Beatles Tour

Shlepping all over Hamburg with the indefatigable Thomas Motta, I was privileged to listen to Christoph Schoener playing the organ and rehearsing St Matthew’s passion at St Michael’s, Hamburg’s most famous landmark, was privy to the insights of Leif Nüske, co-founder of the Mojo Club, tapped my feet as Stefanie Hempel sang Beatles hits as part of her guided tour and cheered singer songwriter Jan Sievers as he roused the crowds at an intimate venue in Hamburg’s Schanze quarter.

Putting together this reportage really was a delight – and I hope by the end of this feature, you’ll be just as enamoured with Hamburg’s music scene as I was.

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Aufbruch im Hansetakt

Mit der sündhaft teuren Elbphilharmonie hat sich Hamburg ein grandioses neues Wahrzeichen geleistet, das seinen Anspruch, die internationale Musikstadt par excellence zu sein, ohne Wenn und Aber untermauern soll. Doch hat die Hansestadt das selbstverliehene Etikett auch verdient? Wir lauschten uns in der Nordseemetropole einmal um.

TEXT ALFRED RINALDI / FOTOS THOMAS MOTTA

In der barocken Pracht des Kirchenschiffs des Hamburger Michel erschallt aus zahllosen Orgelpfeifen die unverkennbare Einleitung aus Bachs Toccata und Fuge in d-Moll. Dabei huschen die Hände von Musikdirektor Christoph Schoener so lässig und fast nebenbei über die Tastatur, als handele es sich bei der virtuosen Darbietung nur um eine kleine Fingerübung. Es ist Musik vom feinsten, wie sie in alten Hamburger Wahrzeichen schon seit Jahrhunderten Tradition hat: Immerhin kann Schoener Größen wie Georg Philipp Telemann und Carl Philipp Emanuel Bach zu seinen Amtsvorgängern zählen. Felix Mendelssohn-Bartholdy kam ganz in der Nähe zur Welt, Johannes Brahms wurde hier getauft, Gustav Mahler schwang an der Hamburger Staatsoper einst den Taktstock. Muss sich eine Stadt wie Hamburg bei einer solchen Historie wirklich noch etwas beweisen, indem sie sich für 575 Millionen Euro einen Repräsentanzbau hinstellt, bei dem allein jedes der 1.089 Fenster auf 20.000 Euro kam? Für Schoener ist die Antwort ein vorsichtiges Ja.

„Das Thema Klassik gerät durch die Elbphilharmonie ganz anders in das Bewusstsein der Leute“

„Wenn man die musikalischen Aktivitäten auf die Einwohnerzahl hochrechnet, konnte man bisher nicht sagen, dass Hamburg Musikstadt war“, sagt der gebürtige Heidelberger. „Da schnitten München und sogar das beschauliche Freiburg noch besser ab. Dann kam die Elbphilharmonie und dieser unglaubliche Hype, wo auf 2.000 Plätze 60.000 Be- werber kommen und sich Konzerte innerhalb einer Stunde ausverkaufen. Das Thema Klassik gerät also durch die Elbphilharmonie ganz anders in das Bewusstsein der Leute. Das Verdienst der Elbphilharmonie-Konzerte ist auch, dass sie ganz mutige Programme machen, wie es sie vor fünf Jahren noch nicht gegeben hätte. Das kommt auch uns hier im Michel zugute, weil auch hier Elbphilharmonie-Konzerte aufgeführt werden.”

Schön, dass es an der Waterkant so gut um die Klassik bestellt ist — doch was machen die Sounds von heute? Um das herauszu nden, wechseln wir vom Heiligen ins Profane, direkt auf den Kiez von St. Pauli. Wer aber an der Reeperbahn 1 Rotlicht- Stimmung erwartet, trifft statt dessen auf das neue, bereinigte St. Pauli: „Keep it classy“ ist das Motto an dieser symbolträchtigen Adresse, wo zu Füßen der luxuriösen Tanzenden Türme-Hochhäuser der Mojo-Club groovt. Hier empfängt uns Leif Nüske, seit 1989 Betreiber des legendären Nachtklubs, der sich einst mit Acid Jazz einen Namen machte und nun auch Hip Hop- Größen wie Tinie Tempah eine stylishe Bühne bietet. Jede Nacht öffnen sich die im Asphalt versenkten Türen zu dem mondänen Tanzschuppen, in dem das hippe Publikum zu den neuesten Beats boppt. Es ist wohl einmalig, dass ein schicker Glas- und Stahlbau von vornherein mit einem edlen Nachtklub im Keller konzipiert wurde, doch seit der Brandmeyer-Markenstudie von 2003 hat die Stadt die strategische Bedeutung der Musik erkannt. Immerhin musste die Hansestadt in den 90ern ganz schön Federn lassen. Zahllose Plattenlabels brachen ihre Zelte ab, um ins angesagte Berlin zu ziehen — auf einmal musstesich die einst so selbstbewusste Medien- und Musikmetropole ihren Status ganz neu verdienen.

„Die Brandmeyer-Studie stellte fest, dass St. Pauli und die Reeperbahn die weltweit bekanntesten Landmarks sind, die wir hier in Hamburg haben“, erklärt Leif, „und bei der Reeperbahn gehört Musik einfach dazu. Berlin hatte damals als Vorteil diese preisgünstige Spiel äche im Osten. Hamburg musste also für sich eine neue Rolle verstehen und annehmen. Da hat ein sehr starkes Umdenken stattgefunden, was die Relevanz von Kultur und Musik, von Clubs und Bands angeht — und das wäre sicher– lich ohne diesen Bruch so nicht gekommen.“ Nebenbei gesagt, so Nüske, war es der Akzeptanz des exklusiven Bauprojekts auf der Reeperbahn sicher nicht abträglich, dass es dem Mojo-Club an dessen vormaliger Adresse ein neues Zuhause bereitstellte.

Was hält Leif mit seinem untrüglichen Gespür für den Zeit– geist nun von der „Elphi“? Da muss er nicht lange überlegen, bevor er ziemlich losledert: „Die Elbphilharmonie hat für uns eine Relevanz, weil der eine oder andere Künstler nun dort auftritt statt hier, und zwar hoch subventioniert. Abgesehen davon ist sie wunderbar, ein Statement bar jeglicher Vernunft. Dass sich eine Kaufmannsstadt so eine Idiotie leistet und die auch vernünftig bespielt, ist großartig. Das ist so sinnbefreit, dass es fast schon wieder Kunst ist — insofern hat diese Baukos– tenexplosion fast schon etwas Grandioses. Die Elbphilharmonie wurde zum Pop-Ereignis, und die Stadt steht mehr oder weniger geschlossen zu diesem Wahnsinn. Eine sehr angenehme Art, sein Geld auszugeben — das kann man auch schlechter machen.“

Aber wir wollen die anderen Spielstätten nicht vergessen. Über 100 Clubs hat die Stadt aufzuweisen, die meisten davon auf St. Pauli. Das Gruenspan, nur ein paar Gehminuten vom Mojo-Club entfernt, ist zumindest architektonisch ein traditio– nelles Kontrastprogramm. Schon seit 1889 gab es an dieser Stelle einen „Tanzsalon“. Seit 1969 besteht der heutige Nacht– klub, auf dessen Fassade übrigens das größte Popgemälde Europas prangt, während im Inneren eine warme Theateratmo– sphäre herrscht, die an die gute alte Zeit des Variétés erinnert. Das programmatische Konzept von Booker Bruno Thiel ist ebenso einfach wie bestechend: „Wir sind eine Bühne für alles, was gut ist“, sagt er, und auch Milchbuben wie die Lochis miteinschließt. Bei uns treten YouTube-Stars ebenso auf wie klassische Orchester. Es gibt hier jede Form von zeitgemäßer Musik, aber wir haben auch Performances mit Schauspielern. Dabei kommt es uns darauf an, dass es voll ist und die Künstler sich den Raum zunutze machen. Eine akkurate Türpolitik stellt zudem sicher, dass wir das richtige Publikum haben.“ Das muss auch so sein: Immerhin haben sich im Gruenspan schon REM, die Pet Shop Boys, Linkin Park, Morcheeba und Seeed die Ehre erwiesen.

“Ohne Hamburg gäbe es die Beatles nicht.“

Sicher, das sind große Namen, doch — seien wir mal ehrlich — keine Band kann sich mit jenem Quartett messen, das sich in den 60ern in der Sündenmeile Hamburgs die Sporen verdiente. „Ohne Hamburg gäbe es die Beatles nicht“, da ist sich Stefanie Hempel, die Gründerin der originalen Beatles-Tour, ganz sicher. Tagtäglich tingelt die Evangelistin der Pilzköpfe mit einer bunt gemischten Truppe von Interessierten durch den Kiez, erzählt faszinierende Anekdoten zu jeder Location und wartet dabei mit mitreißenden musikalischen Einlagen auf ihrer Ukulele auf.

„Die Beatles waren damals eine ‚Pennerband‘, eine ‚Truppe vierter Wahl‘“, erklärt Stefanie bei einem Bier im Gretel und Alfons, der alten Stammkneipe der Beatles in der Großen Frei– heit. Hamburg war für die Four, die damals noch gar nicht so fab waren, die Feuerprobe. Jede Nacht galt es, vor einem auch mal gewalttätigen Publikum aus Seeleuten und Zuhältern eine Show abzuliefern — die Kellner der Nachklubs waren damals allesamt Pro -Boxer. Dank dieser Feuerprobe wurden die Amateure zu Pro s. Auch ihren typischen „Mop-Top-Look“ haben die Liver– pooler Hamburg zu verdanken, denn hier trafen sie auf die Existentialisten-Szene um Astrid Kirchherr und Klaus Voormann, deren lässig nach vorn gekämmten „französischen“ Haarschnitt sie kurz entschlossen abkupferten.

„Hamburg hat uns ganz schön die Augen geöffnet“, sagte Paul McCartney einst. Auch John Lennon zollte der Hansestadt Respekt: „Ich wurde nicht in Liverpool erwachsen, sondern in Hamburg.” „Kaum zu glauben, dass es bis in die 90er Jahre hier gar nichts gab, das an die Beatles erinnerte”, lacht die immer gut aufgelegte Stefanie. Dann sind wir ja froh, dass es sie und ihre liebevoll aufgezogene Tour gibt.

Vom Gestern zurück ins Heute, begeben wir uns ins Knust, einen Indie-Laden in Hamburgs hippem Schanzenviertel. Hier tritt in intimer Atmosphäre der emp ndsame Singer-Songwriter Jan Sievers vor einem (zum größten Teil weiblichen) Publikum auf. Als wir eintreten, ist das Konzert schon in vollem Gang: Gerade steht Jan mit seiner Band auf der Tanz äche und spielt unplugged eine Ballade, bevor er auf die Bühne hechtet und dort seinen Hit „Dein Fels“ aus seinem aktuellen Album Neue Heimatheraus schmettert. Sein Sound ist kraftvoll, er besticht mit einer mitreißenden Mischung aus Orchester und Beats, seine Songtexte bieten Tiefgang, Humor und Inspiration. Jan ist schon jetzt erfolgreich und wird sicher noch viel größer rauskommen.

„Hamburg ist meine musikalische Heimat. Es ist mein Anfang als Künstler und meine kreative Schöpfungsquelle“

„Hamburg ist meine musikalische Heimat“, sagt der aus Trier stammende gelernte Werbetexter. „Es ist mein Anfang als Künstler und meine kreative Schöpfungsquelle. Am Wasser finde ich meine Inspiration, ob am Hafen, am Meer oder an der Alster. Wenn ich nicht in regelmäßigen Abständen die Möglichkeit habe, rauszugehen und mir die Hamburger steife Brise um den Kopf wehen zu lassen, dann fehlt mir was. Das macht wirklich den Kopf frei, wenn du dich in den Wind setzt an die Elbe, und da kommt so ein ordentlicher Luftschwung, der dir durch die Haare wuschelt. Dann ist alles neu.”

Diese Worte gehen uns durch den Sinn, als wir uns auf den Heimweg machen. Mit der Elbphilharmonie wird in der Musik– stadt Hamburg tatsächlich alles neu — und bleibt dabei doch beim Altbewährten. Ganz auf hanseatische Weise.