Kleines Haus, große Freiheit

Für das smart magazine wohnte ich einen Tag lang in einem 1-qm-Haus!

Mikrohäuser bieten einen Lösungsansatz zur immer akuteren Verknappung des Wohnraums in unseren Großstädten – und Van Bo Le-Mentzels Ein-Quadratmeter-Haus treibt den Trend auf die Spitze. Das Open-Source-Design bietet Platz zum Essen, Arbeiten und Ausruhen. Doch wie fühlt es sich an, einen Tag lang auf minimalen Raum zu leben?

 

In Berlin strahlt die Sonne, als posiere sie für ein Dauer-Selfie. Wer in Büros vor sich hin arbeitet, wünscht sich nichts sehnlicher, als draußen vor die Tür zu gehen. Und ich? Ich bleibe zu Hause, in bester Lage direkt an der U-Bahn im Prenzlauer Berg, und lese bei offener Tür ein Buch.

Mann sitzt in einem Mikrohaus und schreibt in ein Notizbuch
Ein Quadratmeter Lebensraum – unser Autor macht den Test.

Ok, mein Zuhause ist ein bisschen unkonventionell. Es handelt sich um das ultimative Tiny House – mit nur einem Quadratmeter Grundfläche. Entworfen von dem sozial engagierten Architekten Van Bo Le-Mentzel, der den Bauplan zum Gratis-Download zur Verfügung stellt. Die Materialkosten für die Hütte auf Rädern belaufen sich auf 250€, der Zeitaufwand auf einen Tag: Immerhin gilt es, 200 Schrauben einzudrehen.

Laptop, Handy, Buch und Kaktus stehen auf dem Tisch im Mikrohaus
Ein Kaktus, ein Buch – fertig ist das kleine Wohnzimmer.

Das perfekte Wohnobjekt also, um der Frage nachzugehen, was ein Zuhause eigentlich ausmacht. Muss es wirklich eine feste Adresse haben? Braucht man tatsächlich immer mehr Platz? Immerhin beanspruchen wir Deutschen mit 42,7m² inzwischen doppelt so viel Wohnraum wie noch in den sechziger Jahren, Tendenz steigend.

Mann lesend in seinem Ein-Quadratmeter-Haus
Wohnen, wo es einem gefällt – und dann weiterziehen.

Mein Ein-Quadratmeter-Haus stellt mich vor die Aufgabe, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ein Poster an die Wand, ein kleines Pflänzchen auf meine Arbeitsfläche, ein Buch und ein Laptop – schon habe ich einen Ort, an dem ich sitzen, arbeiten, essen, lesen, spielen und entspannen kann. Viele Passanten lächeln, wenn sie an mir vorbeigehen: Wer würde nicht gerne mal mitten im Stadtgewusel innehalten und einfach zu sich kommen?

Ein Mann arbeitet im Mikrohaus an seinem Laptop
Auf einem Quadratmeter zur gesunden Work-Life-Balance.

„Na, wat is dit denn für’n Hühnerstall?” frotzelt ein Ur-Berliner, als er an mir vorbei schlendert. Nach fast einem halben Jahr in der Hauptstadt habe ich es gelernt, die Berliner Schnauze lächelnd hinzunehmen. „Wenn schon Hühnerstall, dann Bio-Hühnerstall!”, will ich ihm nachrufen. Denn in der Bio-Landwirtschaft muss ein Quadratmeter für sechs Hennen reichen, was hochgerechnet sicher einem Quadratmeter für die artgerechte Haltung eines einzigen Journalisten entspricht.

Passant blickt verwundert auf der Ein-Quadratmeter-Mikrohaus
Hingucker: das Ein-Quadratmeter-Haus von Architekt Van Bo Le-Mentzel.

Refugium als Talking Point

Nach Hause kommen, die Tür hinter sich zumachen und endlich ungestört zu sein – im Ein-Quadratmeter-Haus stellt sich dieses Gefühl der Geborgenheit nie allzu lange ein, denn früher oder später klopft immer wieder jemand an, um zu sehen, wie es so in der eigentümlichen Hütte aussieht. Ich bin inzwischen zum Insta-Motiv für Touristen avanciert: #strangedude #crazylittlehouse.

Mann verschiebt das Mikrohaus über einen Grünstreifen
Dank kleiner Rollen ist das Minihaus mobil.

Vielleicht ist es an der Zeit, ins Grüne zu ziehen? Dank der Rollen an meinem Domizil ist der Szenenwechsel (fast) kein Problem: Mit etwas Übung und Kraft lässt sich das Haus einigermaßen schieben, wenn man Kopfsteinpflaster und Treppen meidet. In einer ruhigen Seitenstraße finde ich die Muße, mich in meinen Roman zu vertiefen.

das Mikrohaus in einer Seitenstraße Berlins
Das Mikrohaus – eine Lösung für den urbanen Wohnraummangel?

Hans Falladas „Kleiner Mann, was nun?” handelt von der jungen Familie Pinneberg, die im Berlin der späten 20er Jahre verzweifelt eine Bleibe sucht – und natürlich auch eine Arbeitsstelle, um die Miete dafür zu bezahlen. Wäre für Falladas Romanfiguren eine größere Version meines Ein-Quadratmeter-Hauses eine Lösung gewesen? Ich bezweifle es. Handelt es sich bei dem ganzen also nur um ein Gimmick?

Mann steht mit dem Mikrohaus an einer Ampel
Immer mit dabei – unser Autor mit seinem kleinen Domizil.

Erschwingliches Wohnen im Eigenbau

„Das Ein-Quadratmeter-Haus habe ich entworfen, damit man nicht draußen schlafen muss”, erklärt Van Bo Le-Mentzel mir am Telefon. „Zusammen mit einer Gruppe Obdachloser habe ich vier oder fünf davon gebaut und dann sind wir mit den Häusern mit der U-Bahn gefahren. Am Mauerpark haben wir spontan eine kleine Siedlung gegründet. Es hat geregnet und wir haben Pfannkuchen gebacken. Zugegeben, das Haus an sich ist nicht so komfortabel, aber es ist ein Eigenheim.”

Mann transportiert das Mikrohaus
Kein großes Loft benötigt – ein kleines Häuschen kann ausreichen.

Auch das Open-Source-Design ist ein integraler Bestandteil des Konzepts: Jeder solle in der Lage sein, sich mit seinen eigenen Händen ein Domizil zu bauen und nach eigenen Wünschen modifizieren zu können, erzählt mir Van Bo. Man müsse nicht akzeptieren, was einem der Wohnungsmarkt vorgibt. „Ich nenne das konstruktives Empowerment, denn meine Art des Empowerment ist das Bauen.”

Mann sitzt auf einer Treppenstufe neben dem Mikrohaus
Jede Treppenstufe wird zum Balkon.

Die Aufgabe, Menschen ungeachtet ihrer Lebenslage ein erschwingliches Dach über dem Kopf zu verschaffen, treibt Van Bo schon immer um – auch, weil er als Kind laotischer Flüchtlinge sehr gut weiß, was es heißt, kein Zuhause zu haben. So ging er auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 spontan in Berliner Auffanglager, um aus Stockbetten zweigeschossige Häuser zu zimmern, die wenigstens ein bisschen Privatsphäre und Geborgenheit boten.

Mann sitzt in seinem Mikrohaus am Laptop
Nach und nach arrangiert man sich mit dem begrenzten Raum.

Van Bos aktuelles Projekt ist die modulare 100-Euro-Wohnung mit eigener Küche und Bad – ein „Co-Being”-Konzept, bei dem sich Wohnungen je nach Lebenssituation ankoppeln und abstoßen lassen. Langfristig ist es seine Vision, für eine Welt zu sorgen, in der niemand mehr Miete zahlen muss – und zwar mittels eines Autos, das sich, Transformer-style, in ein Haus verwandeln kann. Ein kühner Traum – aber warum eigentlich nicht?

Mann lachend im Mikrohaus
Im Inneren lässt sich auch mal ungestört lesen oder arbeiten.

Home is where the love is

Inzwischen ist es heiß geworden in meiner Hütte. Will ich keine Wirbelsäulenverkrümmung riskieren, ist es Zeit, vor die Tür zu gehen, um die Glieder zu strecken. Ein Matcha Latte wäre jetzt eigentlich auch nicht verkehrt – ich parke mein kleines Haus unkompliziert vor einem Café in der Nachbarschaft.

Es ist befreiend, ohne viel Ballast zu leben und über allen örtlichen Einschränkungen zu stehen. Was als Späßchen anfing, hat mich doch auf ziemlich tiefschürfende Gedanken gebracht.

Mann sitzt mit dem Mikrohaus auf der Terasse eines Cafés
Savoir vivre: einfach sein Haus mit ins Café nehmen.

Wie viele Objekte brauche ich zum Glücklichsein? Zuhause – das ist für mich kein hallendes Loft, sondern meine Katze, die sich, auf dem Boden räkelt, um gestreichelt zu werden. Es sind Brettspiele mit Freunden bis tief in die Nacht. Und es ist ein Ort, wo ich genau so sein darf, wie ich bin – ein sicherer Hafen in einer verrückten Welt. Der Quadratmeterpreis dafür ist unbezahlbar.

Du willst dein eigenes Ein-Quadratmeter-Haus bauen? Hier findest du die Open-Source-Pläne. 

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